Eine Krebsdiagnose ist ein schwerer Schlag für Betroffene und Angehörige. Da verwundert es nicht, dass jedes Mittel, das die Krebserkrankung eindämmen könnte, große Hoffnungen auslöst. Immer wieder wird auch die angebliche Wirkung von Hanföl gegen Krebs diskutiert. So finden sich im Internet einige Erfahrungsberichte von Menschen, die mit Cannabisöl gegen Krebs vorgegangen sind und gute Resultate erzielt haben wollen. Doch was ist dran an diesen Geschichten? Gibt es medizinische Nachweise für eine krebsheilende Wirkung?

In diesem Artikel erfährst du, wie die wissenschaftliche Faktenlage bezüglich „Cannabis gegen Krebs“ im Moment aussieht. Außerdem erklären wir, wie Cannabinoide die schulmedizinische Krebstherapie ergänzen können und wie die Rechtslage zur Verwendung von Cannabis-Präparaten als Medikament aussieht.

Hanföl, Cannabisöl, CBD-Öl – Was sind die Unterschiede?

Zunächst müssen wir aber ein paar Begriffe klarstellen: Oft werden nämlich ganz unterschiedliche Dinge als „Hanföl“ bezeichnet. Es kann sich beim Hanföl beispielsweise um Speiseöl aus Hanfsamen, einen berauschenden THC-Extrakt oder auch ein CBD-Präparat handeln. Die folgenden Produkte könnten mit dem Wort „Hanföl gemeint sein:

  • Hanfsamenöl: Es wird kalt aus Hanfsamen gepresst und enthält kaum THC und CBD. Daher wirkt es nicht berauschend und ist legal. Hanfsamenöl enthält viele gesunde Fettsäuren und kann als Speiseöl verwendet werden.
  • CBD-Öl: Das CBD wird durch spezielle Verfahren aus den Hanfblüten extrahiert und dann in einer Öl-Basis (Oliven, Kokos- oder auch Hanfsamenöl) gelöst. Es enthält nur Spuren von THC und ist daher legal. Der CBD-Gehalt liegt meist zwischen 3 und 20 % – je nach Konzentration.
  • Cannabis-Öl: Ebenso wie beim Begriff „Hanföl“ ist hier nicht klar, worum es sich genau handelt. In den meisten Fällen werden Cannabinoide (wie CBD oder THC) aus den Hanfblüten extrahiert und dann in einer Öl-Basis gelöst. Das berauschende THC könnte enthalten sein oder auch nicht.
  • Haschisch-Öl: Ein Extrakt aus dem Harz der Hanfblüten, der einen sehr hohen Anteil an THC enthält. Es hat eine berauschende Wirkung und ist illegal.
  • Rick-Simpson-Öl: Ebenfalls ein Hanf-Extrakt, der sowohl einen hohen Anteil an THC als auch an CBD beinhaltet. Es wurde nach seinem Begründer Rick Simpson benannt, der behauptete, dass er damit seinen Hautkrebs geheilt hat. Wegen seinem hohen THC-Anteil ist es illegal.

Wenn von Hanföl die Rede ist, solltest du also immer abklären, worum es sich genau handelt! Im Rahmen einer möglichen Krebsbehandlung geht es meist um Hanföl, das reich an THC und/oder CBD ist.

Hilft Hanföl gegen Krebs? Das sagt die Wissenschaft

Nun aber zu unserem Wissenschafts-Check, ob man mit Cannabisöl Krebs heilen kann. Wie gesagt ist hier meistens Cannabisöl mit den Cannabinoiden THC und CBD gemeint.

Cannabisöl gegen Krebs: Einzelne Erfahrungen reichen nicht aus

Tatsächlich kursieren immer wieder Berichte von Betroffenen im Internet, dass sie mit Cannabisöl gegen Krebs eine positive Erfahrung gemacht haben. An erster Stelle zu nennen ist hier natürlich Rick Simpson: Laut seinen eigenen Aussagen hat Cannabisöl ihn von seinem Hautkrebs geheilt. Daraufhin hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese angebliche Wunderwirkung überall zu verbreiten.

Für die Wissenschaft sind einzelne positive Erfahrungen aber nicht ausreichend: Man weiß nicht, wie und warum eine Substanz genau wirkt – und wie hoch die Erfolgsquote ist. Außerdem könnte natürlich auch ein anderer Effekt dahinterstehen, der nicht auf das Cannabisöl zurückzuführen ist, oder es könnte eine reine Placebo-Wirkung sein. Deshalb setzt man in der Medizin auf sorgfältig dokumentierte Studien mit zufällig ausgewählten Versuchspersonen und einer Placebo-Kontrollgruppe.

Wie sieht es nun mit wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema aus?

Cannabidiol: krebshemmende Eigenschaft bei Zellkulturen

Es gibt wirklich ein paar interessante Ergebnisse aus der Wissenschaft: In Versuchen mit Zellkulturen wurde gezeigt, dass Cannabidiol (CBD) das Wachstum von Krebszellen hemmen kann. Und der Rostocker Pharmakologe Burkhard Hinz brachte mit Cannabinoiden Krebszellen in einem Laborversuch zum „Platzen“. Allerdings bedeutet das noch nicht, dass sich Cannabinoide auch beim Menschen als wirksame Krebstherapie einsetzen lassen: Der Wissenschaftler Burkhard Hinz selbst bleibt vorsichtig und weist darauf hin, dass auch einige andere Antikrebs-Wirkstoffe in frühen Untersuchungen vielversprechend aussahen, aber bei Menschen später nicht die vermutete Wirkung zeigten.

Anwendung von Cannabisöl gegen Krebs

Es gibt Hinweise, dass Cannabinoide das Wachstum von Krebs eindämmen könnten. Wissenschaftliche Beweise fehlen allerdings noch.

Cannabisöl gegen Krebs: Belastbare wissenschaftliche Nachweise fehlen noch

Das Problem ist also, dass die meisten Versuche bisher nur im Labor an einzelnen Zellen oder an Tieren durchgeführt wurden – und nicht am Menschen. Belege für die Wirksamkeit bei Menschen gibt es vereinzelt: In einer spanischen Studie aus dem Jahr 2006 wurden neun schwerkranke Patienten mit THC behandelt. Es zeigten sich Hinweise, dass das Wachstum der Tumore dadurch gebremst wurde. Allerdings wurde keiner der Patienten vom Krebs geheilt, und es muss auch betont werden, dass es sich nur um eine Pilotstudie handelte – ohne eine Placebo-Kontrollgruppe.

Ein Bericht aus dem Jahr 2018 ergab außerdem weitere Belege, dass sich Tumore bei der Behandlung mit CBD verkleinerten. Wiederum handelte es sich aber um keine kontrollierte Studie, sodass sich keine sicheren Schlussfolgerungen daraus ziehen ließen.

Zusammengefasst heißt das: Es gibt einige vielversprechende Hinweise, dass Cannabinoide (wie CBD und THC) das Wachstum von Krebs eindämmen könnten. Jedoch ist die Forschung noch am Anfang und es gibt bisher keine verlässlichen wissenschaftlichen Nachweise. Die Studien, die es gibt, sind meist nur im Labor an einzelnen Zellen durchgeführt worden. Einige wenige Berichte vom Einsatz an Menschen liegen auch vor, aber dabei handelt es sich nicht um kontrollierte Studien.

Arzt Franjo Grotenhermen: Kritik an Heilsversprechen

Einer der besten Kenner der derzeitigen Faktenlage ist der Arzt Franjo Grotenhermen. Er hat sich eingehend mit dem Einsatz von Cannabis in der Medizin beschäftigt und berät regelmäßig Patienten zu diesem Thema. Außerdem setzt er sich für den einfacheren Zugang zu medizinischem Cannabis ein.

Allerdings kritisiert er auch Heilsversprechen und falsche Aussagen über die Wirkung von Cannabis. Besonders problematisch findet er es, wenn manche Cannabis-Befürworter den Patienten sogar von Chemotherapie abraten. In einem offenen Brief an Rick Simpson, den bekannten Begründer des Rick-Simpson-Öl, bezeichnet er solche Aussagen als „fahrlässig“. Franjo Grotenhermen ist der Meinung: „Cannabis ist kein Wundermittel, es ist eine Möglichkeit.“

Cannabinoide gegen Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie

Etablierte Methoden wie Chemo- und Strahlentherapie sind zwar erwiesenermaßen effektiv in der Behandlung von Krebs, aber sie bringen auch viele unangenehme Begleiterscheinungen mit sich: beispielsweise Entzündungen der Mundschleimhaut, Haarausfall, Verdauungsprobleme und Übelkeit. Hier haben sich Cannabinoide als nützlich herausgestellt: Der Wirkstoff Dronabinol (bestehend aus künstlich hergestelltem THC) kann gegen Übelkeit und Brechreiz bei der Chemotherapie helfen und wurde dafür als Medikament zugelassen.

Viele Anwender berichten außerdem, dass CBD (der nicht berauschende Wirkstoff im Cannabis) eine entspannende, schlaffördernde und beruhigende Wirkung hat. Von diesen Eigenschaften könnten auch Krebspatienten profitieren, die eine Chemotherapie machen. Aber Achtung: Wenn man gleichzeitig andere Medikamente bekommt, sollte man die Einnahme von CBD immer mit dem Arzt abklären – denn CBD kann die Wirkung anderer Arzneimittel beeinträchtigen.

Rick-Simpson-Öl: angebliches Wundermittel?

Wichtig: Cannabisöl kann keinesfalls eine schulmedizinische Krebstherapie ersetzen!

Hanföl gegen Krebs anwenden: ärztliche Verschreibung von Cannabis

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich ist es mittlerweile möglich, sich Cannabispräparate legal durch den Arzt verschreiben zu lassen. In beiden Ländern kann sich das aber schwierig und kompliziert gestalten. In Deutschland muss der Arzt dafür einen Antrag bei der Krankenkasse stellen und bestätigen, dass es sich um eine schwerwiegende Erkrankung handelt und andere Behandlungen bereits ausgeschöpft wurden. Viele Ärzte sind sich außerdem unsicher, ob und wie sie Cannabis-Medikamente einsetzen dürfen. Grundsätzlich sind drei Cannabis-Präparate legal als Arzneimittel verschreibbar:

  • Dronabinol: ein Wirkstoff aus künstlich hergestelltem THC, der in der Apotheke zu öligen Tropfen oder Kapseln verarbeitet wird
  • Sativex®: ein Mundspray aus dem Wirkstoff Nabiximols, der eine Kombination aus CBD und THC enthält
  • Canemes®: Kapseln, die ebenfalls künstlich hergestelltes THC enthalten

Cannabisöl gegen Krebs: Das sind die wichtigsten Facts

Als Fazit hier noch einmal die wichtigsten Fakten zum Thema „Cannabisöl gegen Krebs“:

  • Cannabis ist kein Wundermittel gegen Krebs.
  • Es gibt einige Hinweise, dass Cannabinoide das Wachstum von Krebszellen hemmen können.
  • Es gibt vereinzelte Fallstudien, dass sich Tumore durch Cannabinoide zurückgebildet haben.
  • Die Studienlage ist aber noch sehr dünn und es fehlen belastbare wissenschaftliche Nachweise.
  • Cannabisöl kann also keinesfalls eine wirksame schulmedizinische Krebstherapie ersetzen.
  • Cannabis-Präparate können Nebenwirkungen der Chemotherapie lindern.
  • Man kann sich (bei entsprechender Diagnose) Cannabis-Medikamente legal verschreiben lassen.

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